Wie kam es, dass in Aue eine Lebenshilfe gegründet wurde?
Genau vor 20 Jahren, im Februar 1990, las ich in der „Freien Presse“, dass in Flöha eine Lebenshilfe von Frau Otto gegründet wurde. Genau wie ich, war sie Mutter eines schwerbehinderten Kindes.
Der Zeitungsartikel lies mich nicht mehr ruhig schlafen. Denn wie Frau Otto war auch ich der Meinung, dass jetzt mit der politischen Wende uns die Möglichkeit gegeben wurde, die Geschicke unserer behinderten Angehörigen selbst in die Hand nehmen zu können.
Ich hatte auch schon eine Idee, wie es zu einer
„Lebenshilfe Aue e. V.“ kommen könnte.
Allerdings wusste ich damals noch nicht, was damit alles auf mich zu kommen würde.
Meine Tochter war zu dem Zeitpunkt 7 Jahre alt und besuchte eine „Rehabilitationspädagogische Tagesstätte“. Eine Schulpflicht gab es für so schwer behinderte Kinder, wie meine Tochter es war, nicht.
In dieser Tagesstätte kam ich mit anderen Eltern oft ins Gespräch, und ich suchte mir Verbündete, die mir geeignet erschienen, gemeinsam mit mir einen Verein „Lebenshilfe e. V. Aue“ zu gründen.
Mit Frau Petra Stößer und Frau Ursula Henkel traf ich mich ab März 1990 ein bis zwei Mal wöchentlich, um eine Gründung der Lebenshilfe im Kreis Aue vorzubereiten.
Uns half die Gründung der „Lebenshilfe DDR“ im April 1990 in Berlin. An der Gründungsveranstaltung nahmen wir teil. Dadurch erhielten wir viele wertvolle Tipps, die wir für die Gründung unseres Vereins brauchten.
Nun gab es kein Halten mehr. Zu dritt legten wir einen Gründungstermin fest, kümmerten uns um geeignete Räumlichkeiten und schrieben Einladungen. Es sollte der 9. Mai 1990 sein, der als „Geburtstag“ der Lebenshilfe in die Geschichte einging.
Wir bereiteten die Veranstaltung in der Gaststätte „Sonne“ in Schneeberg vor. Es waren nicht nur betroffene Eltern geladen, sondern auch Fachleute, die mit der Betreuung unserer Kinder direkt oder indirekt zu tun hatten.
Sehr erstaunt und erfreut zugleich waren wir über den großen Zuspruch. Der Saal füllte sich sehr schnell, und noch am gleichen Abend traten 35 Personen der „Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Regionalvereinigung Aue“ bei.
Mehrere Personen entschieden sich in den nächsten Wochen
für eine Mitgliedschaft.
Nun entschlossen wir uns, wöchentliche Sprechstunden für Angehörige von geistig behinderten Menschen und natürlich für Behinderte durchzuführen. Unterstützung bekamen wir vom „Neuen Forum“ in Aue, die uns jeden Don-nerstag am Abend ihre Räumlichkeiten dafür zur Verfügung stellten. Es freute uns sehr, dass immer mehr Personen Rat und unsere Hilfe dankbar in Anspruch nahmen.
Die Organisation eines Transportes unserer Kinder in die Betreuungseinrichtungen betrachten wir als notwendige Erstmaßnahme, weil bis dahin jede Mutter oder jeder Vater sein Kind selbst dorthin bringen musste, ob ein Auto vorhanden war oder nicht. Deshalb haben wir begonnen, die behinderten Kinder zuerst transportieren zu lassen, deren Eltern kein Auto hatten. Das führte zu ersten Problemen, denn plötzlich wollte jeder von der Erleichterung profitieren, obwohl wir selbst (als Gründungstrio) unsere Kinder mit unseren Autos täglich gefahren haben.
Eine weitere Aufgabe erledigten wir mit der Anmietung von eigenen Vereins-räumen in der Alfred-Brodauf-Straße in Aue. Dort begann Ursula Henkel, einen „Familienentlastenden Dienst“ aufzubauen. Dieser wurde anfänglich sehr schleppend angenommen.
Es folgten Vereinsfeste, die es vorher nie gab. So viele behinderte Kinder und deren Eltern feierten gemeinsam. Heute betrachte ich die Gründung der Lebenshilfe im Kreis Aue als etwas ganz besonderes. Wir haben die Gunst der Stunde genutzt und selbst unser Schicksal in die Hand genommen. Wir haben sehr viel Hilfe erfahren, aber mussten auch Rückschläge einstecken. Trotzdem kann ich heute sagen: „Ich würde es wieder tun“.
Christel Günther, Vorsitzende der Lebenshilfe bis 1993.